Die Erdbeeren aus China sind eben billiger

Fünfeinhalb Stunden Schlaf sind ein bisschen dürr für das volle Programm. Ausgewogener wäre, ich würde genauso viel Zeit im Bett verbringen wie im Kino. Aber, in Abwandlung von Fassbinder sage ich mal: Schlafen kann ich, wenn die Berlinale vorbei ist. In der frischen Mittagsbrise zum Arsenal.

Obaltan (Aimless Bullet), Republik Korea 1961, FORUM

Dieser Film ist mehr Melodram als Krimi. Das französische film noir trifft es auch nicht ganz, ich übersetze das mal frei ins Englische: pitch black movie. Ein armer Angestellter in Seoul. Seiner Tochter kann er nicht einmal passende Schuhe kaufen. Sein Bruder, ein Kriegsinvalide, verlässt die Familie, weil er es nicht aushalten kann, dass die Schwester sich mit amerikanischen Soldaten „einlässt“. Die gestörte Mutter liegt den ganzen Tag im Bett und sagt immer nur: „Gehen wir.“

Ein Freund von ihm will heraus aus dem Elend. Er überfällt eine Bank. Auf der Flucht vor der sofort anrückenden Polizei ist in einer verlassenen Halle weinendes Kind zu hören. Der Verzweifelte hält kurz inne und sieht, dass das Kind auf den Rücken einer Frau gebunden ist, die sich gerade erhängt hat. Danach gerät er in eine Demonstration von Arbeitern, die höheren Lohn verlangen. Ich muss unbedingt gucken, wie lange der Film verboten war. (Zu lesen ist, dass der Film nach dem Militärputsch von General Park „nur“ zensiert wurde.)

Der Angestellte indes kann dem Druck bald nicht mehr standhalten. Er lässt sich einen ganzen Abend im Taxi herumfahren und sagt nur noch: „Gehen wir.“

Mit dem 200er Bus zum Zoo. Der Fahrer heute ist nicht so ein Sonnenscheinchen. Meine gezeigte Fahrkarte nimmt er wie eine selten dumme Bemerkung zur Kenntnis. Und als er sagt, dass die Fahrgäste aus dem Schließbereich gehen sollen, klingt das nicht mal richtig genervt. Trotzdem macht ihn ein junger Fahrgast auf dem Oberdeck nach. Da klingt es schön ranzig und unwirsch.

Am Vorplatz des Bahnhofs mischen sich Fans von Hertha BSC und Bayern München. Einfach so, als würden sie jeweils zu einem anderen Spiel wollen. Das Grölen kommt wohl erst später.

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Aus einem Jahr der Nicht-Ereignisse, Deutschland, FORUM

Ein alter Mann in Schleswig-Holstein lebt in seinem kleinen Haus mit zwei Katzen. Hat einen Gänsestall. Das ist eigentlich schon alles. Ganz neckisch, denke ich. Aber dann bekommt mich dieser Film. Kriegt mich ganz. Obwohl eben nichts passiert. Doch, die Kamera wird ab und zu schwarz, während der Ton weiterläuft. (Ann Carolin Renninger und René Frölke benutzten eine sehr alte Kamera, die man alle 24 Sekunden aufziehen muss. Auch Super 8-Kameras, die eine nach der anderen kaputt gingen.) Dann sieht man eine alte Uhr laufen, dann Brennesseln, dann schnarcht die eine Katze. Ach, da war doch noch so etwas wie eine Klimax: Er hat Geburtstag. Andere über 80-Jährige kommen. Essen Erdbeertorte mit ganz viel Sahne. „Man soll ja die Erdbeeren essen, wenn die Saison ist. Nicht?“ „Die Erdbeeren aus China sind eben billiger.“ „Eis ist ja auch sehr teuer geworden.“ „Aber die Magnum kannst du auch in der Kiste kaufen.“ Usw. Einfach schön.

img_9665Die deutschen Regisseure ( Ann Carolin Renninger und René Frölke) beim Hören des einfältigen Kommentars

In der anschließenden Diskussion sagt eine Frau, der Film wäre voyeuristisch, kalt und respektlos gewesen. Niemand hier würde seinen Vater so auf der Leinwand vorgeführt sehen wollen. Der vor mir ruft: „Doch ich. Und alle hier!“ Die Regisseurin: „Das ist nicht unser Vater.“ Die Frau kommentiert weiter: „Das war lieblos. Die schwarzen Fingernägel, die ganze Unordnung in dem Haus, die Spinnweben.“ Der Regisseur: „Was sollen wir denn zeigen, wenn es doch so war? Hätten wir putzen sollen?“ Der Moderator bricht ab.

Die nächste Frau sagt: „Ich fand das im Gegenteil sehr liebevoll. Das war eine Reise in die Ruhe …“ usw. Der Applaus ist noch mal so stark wie nach dem Film.

Irgendwie hatte ich auf so etwas wie einen Krawall der Fußballfans gehofft. Oder irgendetwas anderes in der Richtung, etwas, was sich gut in diesem Blog erzählen lässt. Aber es passiert nichts. Das Spiel ging wohl remis aus, die Schlachtenbummler sind friedlich, die anderen bringen ihre Erdbeeren und andere Einkäufe nach Hause.

El Mar La Mar, USA, FORUM

Der mindestens dritte Forum-Film, der von James Benning beeinflusst ist. Benning zeigt, grob gesagt, fünfzehn Einstellungen mit starrer Kamera. Die anderthalb Stunden sind herum und alle, die nicht herausgerannt sind, sagen: „Oh, mein Gott, das war aber stark.“ Und die jungen Filmer sagen: „Genau das muss ich auch machen.“ Oder: „Das müsste ich doch auch können.“

Aber mit diesem Streifen werde ich einfach nicht warm. Da wird entweder zu schnell geschnitten, oder Zeitraffer und Bildmanipulationen strengen an. Oder das Sounddesign dröhnt. Ist ja richtig, Benning nicht komplett zu kopieren, aber die Wege, das zu verhindern, sind verschieden und müssen nicht jedem zusagen. Wahrscheinlich aus anderen Gründen spüre ich den Oberarm meines jungen Nebensitzers an dem meinen. Ist eben doch etwas eng in der AdK, denke ich erst, sehe dann, dass er schlummert. Auch der Sitzriese rechts vor mir, hat den Blick auf die Leinwand freigegeben. Das nennt man „weggenickt“.

Aber nun zum Film: Wir sehen gewaltige Aufnahmen aus der Sonora-Wüste in Arizona. Kontrastierend dazu Schwarzbilder, über die Menschen sprechen: Bewohner der menschenfeindlichen Umgebung, Grenzer, Trekker und mexikanische Flüchtlinge, die es auf die andere Seite geschafft haben. Schön ist, wie die Regisseure die Schwächen analogen Filmmaterials ausnutzen, bei einem „Ausflug“ zehntausender Fledermäuse aus einer Höhle ist wegen der Schnelligkeit fast nichts zu erkennen. Grandios am Ende die Gewitter über der Wüste, in einem so grobkörnigen Schwarz-Weiß, dass die Szenerie beinahe abstrakt wirkt.

Trotzdem verziehe ich das Gesicht wie die Regisseurin in „Casting“, die nur zu 80% und damit sehr wenig zufrieden ist. Der Applaus danach ist jedoch von normaler Stärke.

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Hostages, Georgien/Russland/Polen, PANORAMA

Eine wahre Geschichte: Sowjetunion 1983. Um in den Westen zu gelangen, kauft sich eine Gruppe von georgischen Studenten Granaten und Pistolen. Sie besteigen ein Flugzeug nach Batumi unweit der türkischen Grenze und versuchen, es unter ihre Kontrolle zu bringen. Übernervös schießen sie sofort auf jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Doch auch einer der Piloten ist bewaffnet. Mehrere Studenten werden verletzt, es gelingt der Crew, das Cockpit zu behaupten. Das Flugzeug fliegt zurück nach Tbilissi, wo bewaffnete Militäreinheiten zur Erstürmung bereitstehen. Achtung SPOILER: Bei den anschließenden Prozessen werden zwei der jungen Entführer zum Tode verurteilt.

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Zwei Stunden, die schnell vergangen sind. Routiniertes Kino, das sich erfreulicherweise nur hintergründig über die politischen Implikationen äußert. Als Plädoyer für die Reisefreiheit ­– wie im Programmheft des Panoramas dargestellt – kann der Film jedenfalls allerhöchstens bedingt funktionieren.

Zuhause zuallererst zum Fernseher. Nein, nein, ich muss nicht noch einen Film sehen. Nur nachgucken, wer denn den Goldenen Bären gewonnen hat. Ach, der Ungar! Hatte man in Schlangen und Foyers öfter gehört, dass der etwas ganz Besonderes sei. Das nenn ich mal clever eingekauft (letzten Sonnabend), denn das ist mein erster Film morgen. HURRA. Und im Anschluss hab ich dann noch drei silberne Bären!

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